Worum geht es?

Menschen mit Varianten der körperlichen Geschlechtsentwicklung (man spricht auch von Intersex-Menschen, Intersexuellen, Menschen mit DSD (Difference of Sex Development), Hermaphroditen, Zwitter) werden mit “auffälligen”, “atypischen” oder “uneindeutigen” körperlichen Geschlechtsmerkmalen geboren.

Varianten der Geschlechtsanatomie sind mehr als nur die berühmten “uneindeutigen Genitalien”. Sie umfassen
a) Genetik
b) Geschlechtshormone produzierende Organe und wie der Körper diese Hormone umsetzt, und
c) das äusserliche Erscheinungsbild, welches auch die sekundären körperlichen Geschlechtsmerkmale einschliesst.

“Uneindeutigkeit” kann auf den einzelnen Ebenen in Erscheinung treten, es ist aber auch möglich,
dass die verschiedenen Ebenen isoliert betrachtet “absolut normal” erscheinen, aber “nicht zusammenpassen”, z.B. ein Neugeborenes mit männlichem äusseren Genitale, aber mit Gebärmutter, Eierstöcken und Karyotyp XX, oder ein Neugeborenes mit weiblichem äusseren Genitale und (Bauch-)Hoden und Karyotyp XY.
Um nun zu verstehen wie “atypische” Genitalien entstehen ist es notwendig, sich eine biologische Tatsache zu vergegenwätigen, die leider bis heute im Biologieunterricht meist unterschlagen wird:

Bis zur 7. Schwangerschaftswoche waren wir alle Zwitter, hatten wir alle ein “uneindeutiges Genital” und Vorläufer zu Hoden und Eierstöcken im Bauch. Erst danach differenzieren sich diese Vorstufen bei den meisten Menschen zu männlichen oder weiblichen Genitalien und Fortpflanzungsorganen – aus denselben “Grundbestandteilen” wie folgt:

Rechts sieht man, wie sich ein typisch weibliches Genital entwickelt, und links ein typisch männliches.
Erst im letzten Stadium
• teilt sich bei typischen Mädchen Harnröhre und Vagina,
• und wächst bei typischen Jungen die Harnröhrenanlage zusammen, während gleichzeitig die Harnröhrenöffnung zur Penisspitze “hochwandert” (wer sich schon fragte, warum typische männliche Genitalien (Penis und Hodensack) alle eine Naht haben – dies ist die Erklärung).

Es ist jedoch auch möglich, dass Genitalien sich entlang eines weniger häufigen Weges entwickeln.

Manche, aber nicht alle Intersex-Kinder kommen mit sogenannt “atypischen Genitalien” auf die Welt.
Mediziner unterteilen dieses Kontinuum in sog. Praderstufen, wobei “Prader 5” für ein typisch männliches Erscheinungsbild steht, “Prader 0” für ein typisch weibliches Erscheinungsbild, und “Prader 1-4” für Zwischenstufen.


• Kinder mit äusserem Erscheinungsbild entsprechend “Prader 3-4” werden oft willkürlich als “Jungen mit Hypospadie” diagnostiziert (und “vermännlichenden Hypospadiekorrekturen” unterworfen).
• Kinder mit äusserem Erscheinungsbild entsprechend “Prader 1-5” werden oft willkürlich als “Mädchen mit zu grosser Klitoris” diagnostiziert (und “verweiblichenden Klitorisreduktionen” und “Vaginalplastiken” unterworfen).

Viele Missverständnisse gibt es auch bei der Frage, wie häufig Intersex vorkommt. Da keine Daten erfasst und keine Statistiken geführt werden, lautet die einzige ehrliche Antwort: Wir wissen es nicht. Es gibt keine seriösen Zahlen, nur Hochrechnungen. In der medizinischen Literatur ist von 1:1000 die Rede. Betroffenenorganisationen gehen von 1:500 – 1:1000 Kindern aus, die irreversiblen kosmetischen Genitaloperationen und weiteren medizinisch nicht notwendigen Eingriffen ausgesetzt werden. Die meisten Operationen erfolgen auch heute noch vor dem 2. Lebensjahr ohne die informierte Einwilligung der betroffenen Kinder selber.

Weitere Informationen auf Zwischengeschlecht.org